Karl J. Schönweiler

Mein Leben zwischen Lyrik, Obstbaumgarten, Schafen und unterwegs. 

Literatur ist ein Teil meines  Lebens. Aber da ist noch der große Obstbaumgarten, das abendliche Füttern der Schafe und vieles mehr …

Januar, bisher ohne Schnee.  Ich stehe auf der großen Wiese, die an unseren Garten angrenzt. Betrachte, auf meinen langen Stock gestützt, einen uralten Kirschbaum. Meine acht Kamerunschafe suchen unter den Apfelbäumen nach liegengebliebenen Früchten. Ein typisches, blasses Winterlicht liegt über der schmuddelbleichen Wiese. Es ist, wie wir sagen: “heimlich kalt”. Meine braunen Tiere, man kann sie mit Rehen verwechseln, klein, zierlich, hübsch, grasen friedlich und ich beschäftigte mich mit dem Kirschbaum. Vieles hatte er mir zu sagen und  ich notiere Bruchstücke mit klammen, kalten Fingern in ein kleines Oktavheft, das ich in der weiten Jackentasche mitführe. Erfahrungen eines alten Wesens. Vielleicht, vielleicht wird daraus mal ein Gedicht … Man kann es nicht erzwingen, nur sich mühen, es fließt von alleine.

In unserem Obstgarten stehen Äpfel-Nuß-Kirsch- und Zwetschenbäume.  Sie bedürfen, wie alle kultivierten Pflanzen, der Pflege. Momentan ist es jedoch zu kalt für die Arbeit mit der Baumschere und der Baumsäge. Das auslichten und der Pflegeschnitt  wird noch auf sich warten. Es ist für mich etwas wunderbares, hoch in den Bäumen zu arbeiten. Und als Lohn die guten Früchte zu ernten. Und am Abend zum Vesper einen selbstgemachten Most trinken.

Doch ob hoch in den Bäumen, am Gartentisch, beim Schafehüten,oder unterwegs im Ländle „Texten“ ist überall möglich, zumindest in Gedanken.

Wer das liest und denkt: Hört sich ja sehr idyllisch an!? Nun ja. Wenn, dann eine Idylle ohne Scheuklappen. Nach vier Jahrzehnten Berufsleben im Bereich der Telekommunikation, empfinde ich darin gute und sinnvolle Aufgaben.

Im Frühjahr kommen die Lämmer zur Welt. Es ist das uralte Lebensprinzip, mit dem ich aufgewachsen bin. Und ich weiß ganz genau: meinen Tieren geht es gut, dafür sorge ich jeden Tag aufs Neue.

Besonders wichtig ist mir das Brotbacken. Auch so ein archaisches Tun. Jahrtausende altes Wissen, Ritual und handwerkliches Können – auf jedem Kontinent dieser Welt in eigener Art praktiziert. Wir backen das Brot in unserem alten Backhaus, dessen Backofen ich 2011 vollständig renoviert habe. Zwölf Laibe werden gebacken, doch zuerst muss ich den Teig mit eigener Muskelkraft kneten. Dann sogleich das eingelegte Feuerholz entzünden, nach zirka 70 Minuten ausräumen und die heißen Bodenplatten säubern. Anschließend erfolgt das „Einschießen“, das Einlegen des Brotteiges. Für mich ist es ein besonderer Moment, wenn wir nach einer Stunde das fertige, heiße Brot aus dem Backofen herausziehen.

Zwischen all dem liegt der Kern meines Lebens, von dem aus sich die Ringe ausbreiten.

Die Landschaft um den Hohenstaufen ist meine Heimat, die erste Ringwelle.  Natürlich zählen die anderen beiden Kaiserberge: Rechberg und Stuifen dazu. Täler, Höhen, kleine Dörfer, viel Landschaft, viel Himmel. Die Städte Göppingen; Geislingen und die alte Stauferstadt Schwäbisch Gmünd, die zweite Ringwelle,  viel Raum für kulturelle Möglichkeiten. Musikalisch, literarisch, Kunst und Geschichte. Und weiter erstrecken sich meine Ringe übers Ländle: Stuttgart, Ulm, die Alb, Schwarzwald, der Bodensee. Ringe – wer denkt da als literarisch interessierter nicht an Rilke. An das, was uns im Leben wirklich gelang und was wir nicht vollbringen werden.

Brot backen